Kunst  -  September 10 2010
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Das Programm der Berlinale steht fest und sorgt bereits für Unmut: Neben einem Topaufgebot an Stars wird auch der iranische Präsident auf der Leinwand zu sehen sein. "Letters to the President" verharmlose den Holocaust-Leugner, protestierten dessen Gegner.

Berlin - Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad ist bisher kaum als humaner und volksnaher Staatsregent aufgefallen. Seine Drohungen gegen den Westen und speziell Israel sorgen immer wieder für Empörung und isolieren sein Land international. Undenkbar also, dass gerade ihm auf einem der wichtigsten Filmfeste Europas ein filmisches Denkmal gesetzt werden könnte.


DDP
Berlinale-Intendant Kosslick: "Die Wirklichkeit hat die Fiktion überholt"
"Letters to the President" heißt der Film, der jetzt den Unmut "Club iranischer europäischer Filmemacher" erregt, weil er den iranischen Präsidenten angeblich von seiner weichen, menschlichen Seite zeige.

In einem offenen Brief an Dieter Kosslick, den Intendanten der Berlinale, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, bezeichnete die Gruppe den Film als "propagandistisch", kündigte Proteste während des Festivals an - und forderte Kosslicks Rücktritt.

Kosslick selbst scheint das nicht zu interessieren: Auf einer offiziellen Pressekonferenz zur Bekanntgabe des Festivalprogramms am Dienstag erwähnte er weder den Film noch den Protestbrief. Auch Berlinale-Pressesprecherin Frauke Greiner wiegelte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE ab: "Jedes Jahr bekommen wir diese Art von Protesten, sobald wir Filme aus dem Iran im Programm haben - meist von den selben Gruppen."

Auch Christoph Terhechte, der das Forum der Berlinale leitet, in dem der Film läuft, versteht die Aufregung nicht: "Das ist ein groteskes Missverständnis. Der Film ist keine Propaganda, sondern will die staatliche Inszenierung im Iran entlarven. Es ist definitiv kein Pro-Ahmadinedschad-Film, so etwas hätte auf der Berlinale auch keinen Platz." Die Filmemacher-Gruppe hätte, wie jedes Jahr, vorbeugend demonstriert, ohne den Film zu kennen.

"Letters to the President" feiert auf der Berlinale seine Weltpremiere. Der Film ist eine iranisch-kanadische Co-Produktion, Regisseur ist der Tscheche Petr Lom, der mit seiner Dokumentation "Kidnapped Bride" über Zwangsehen in Kirgisistan international bekannt wurde. Gedreht wurde die Dokumentation, so die Macher, um den kulturellen Dialog zwischen dem Westen und dem Iran zu fördern.

Kommentar über den Zustand der Welt

Im Zentrum der Pressekonferenz stand dagegen die Rolle von Filmen in Zeiten der Finanzkrise. Viele Beiträge thematisierten die Folgen des ungehemmten Wirtschaftswachstums.

So startet das Festival am 5. Februar mit dem Thriller "The International" von Tom Tykwer mit Clive Owen ("Children of Man") und Naomi Watts ("King Kong"), der mit seiner Darstellung über die kriminellen Machenschaften einer Großbank sehr nah an der Realität läge. "Die Wirklichkeit hat die Fiktion in diesem Jahr wirklich überholt", sagte Kosslick. Das aktuelle Geschehen habe aus dem bereits vor Monaten ausgewählten Eröffnungsfilm plötzlich eine Art Dokumentarfilm über den Zustand der Welt gemacht.

"Viele Spielfilme geben die Wirklichkeit besser wieder als alles andere" - diese Einschätzung Kosslicks gilt wohl auch für Oren Movermans "The Messenger".

In dem Film spielt Hollywoodstar Woody Harrelson einen Irak-Heimkehrer, der als Armeebote den Familien gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringt. Er zählt genauso zu diesen realitätsnahen Filmen wie der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Sturm" von Regisseur Hans-Christian Schmid über das UN- Kriegsverbrechertribunal in Den Haag.

Tykwers Eröffnungsfilm "The International" läuft im offiziellen Wettbewerb um den Goldenen Bären ebenso außer Konkurrenz wie der deutsche Episodenfilm "Deutschland 09". An dem Werk haben Regisseure wie Tykwer, Fatih Akin, Hans Weingartner und Dani Levy mitgewirkt. Um die Festivalpreise konkurrieren wie im vergangenen Jahr nur zwei deutsche Regisseure: Neben Schmid mit "Sturm" ist Maren Ade mit dem Beziehungsdrama "Alle Anderen" vertreten.

Drei der interessantesten deutschen Beiträge haben keine Chance auf einen Bären, da sie im Berlinale-Spezial-Programm laufen: Die mit Spannung erwartete Filmbiografie "Hilde" mit Heike Makatsch als Hildegard Knef (Regie Kai Wessel) und Hermine Huntgeburths ("Die weiße Massai") Verfilmung von Theodor Fontanes Roman "Effi Briest" mit Bären-Gewinnerin Julia Jentsch ("Sophie Scholl - Die letzten Tage") in der Titelrolle.

Außerhalb des Wettbewerbs läuft auch das Drama "John Rabe" von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger. Ulrich Tukur spielt darin den deutschen Kaufmann John Rabe, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg 250.000 Chinesen das Leben rettete. "Es gab dieses Jahr mehr deutsche Filme mit Wettbewerbs-Qualität, als wir in den Wettbewerb nehmen konnten", sagte Kosslick dazu.

Dem deutschen Film stellte Kosslick denn auch ein gutes Zeugnis aus: "Es steht gut um den deutschen Film. Die Stimmung ist gut, die Filme sind gut, die Schauspieler sind prima. Es gibt eine sehr differenzierte Produktionslandschaft, es gibt alle Arten von Filmen. Und die Leute gehen ins Kino. Und obendrauf gibt's noch eine Oscar-Nominierung", sagte der Berlinale-Chef mit Blick auf Bernd Eichinger RAF-Film "Baader Meinhof Komplex", der Chancen auf einen Auslands-Oscar hat.

Auf dem roten Teppich wird es auch in diesem Jahr wieder eng. Erwartet werden die Oscar-nominierte Kate Winslet, Renée Zellweger, Michelle Pfeiffer, Demi Moore und Ellen Barkin sowie Julianne Moore und Winona Ryder. Ihr Kommen zugesagt hat auch eine stattliche Riege männlicher Stars, darunter Keanu Reeves, Michel Piccoli und Willem Dafoe, Woody Harrelson, Steve Martin und Gael García Bernal. Zur traditionellen "Cinema for Peace"-Gala hat sich zudem Leonardo DiCaprio angesagt.

Die Liste aller Wettbewerbsfilme finden Sie hier.

sta/dpa



URL:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,603743,00.html
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